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Über mich

Der junge Mann stand nervös am Fenster des Wartesaals. Er war allein und konnte kaum stillstehen. Unruhig lief er auf und ab.

Am Fenster blieb er wieder stehen. Es war drei Uhr nachts und er erwartete die Geburt seines zweiten Kindes. Er wartete schon seit Stunden auf die erlösende Nachricht.

Er und seine Frau wussten schon vom Arzt, dass es ein Mädchen sein würde.
Die Freude über das zweite Kind hielt sich in Grenzen, denn ein weiteres Kind stellte eher eine Belastung dar. Einen Namen hatten sie sich noch nicht überlegt.

Sorgenvoll dachte er an die Zukunft seiner Familie. Es war kaum ein Jahr her, seit er und seine Frau als Flüchtlinge in Deutschland aufgenommen wurden.
Sein Deutsch war immer noch sehr gebrochen, meistens verständigte er sich mit Händen und Füßen.

Aber die Deutschen waren hilfsbereit. Dankbar dachte er daran, dass er und seine Familie ein Dach über dem Kopf hatten. In einem Elektrowarengeschäft war ein Lagerraum zur Verfügung gestellt worden. Die Bewohner der Gemeinde hatten Matratzen gespendet.

Es fröstelte ihn ein wenig. Es war sehr kalt, denn es war Winter. An die jahreszeitlichen Temperaturwechsel hatte er sich immer noch nicht gewöhnt, denn da wo er herkam, gab es keinen Winter. Dort war es immer warm.

Er stützte sich mit den Ellenbogen auf der Fensterbank ab und vergrub den Kopf unter seinen Händen. Er atmete tief ein und wieder aus.

Auf einmal sah er aus dem Augenwinkel etwas Weißes vom Himmel herab schweben. Es sah aus wie weißer Regen. Aber nein, sie nannten diesen weißen Regen hier “Schnee”.
Fasziniert betrachtete er mit großen Augen die fliegenden Schneeflocken. Er machte das Fenster auf, streckte die Hände aus und formte sie zu einer Schale.

Wie gebannt beobachtete er wie die Flocken auf seine Händen herab sanken und langsam in Wasser zerflossen. Man hatte ihm als Kind von fernen Ländern erzählt, in denen es weißen Regen gäbe, den Schnee. Dass er diesen Schnee nun wirklich vor Augen hatte, erschien ihm wie ein Wunder.
Vor Glück traten ihm die Tränen in die Augen.

In diesem Moment wusste er, welchen Namen er seiner Tochter geben wollte.
Sie sollte Xue Zhen heißen: Xue (雪) wie der “Schnee” und Zhen (珍) wie der “Schatz”.