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Teil 2 – Unterschlupf in der Termitenbar

Es blitzte und donnerte. Violetta flog schnell unter das Vordach der Schänke. Moritz stolperte vor sich hin, er rutschte auf einer Pfütze aus und fiel hin. Vorsichtig rappelte er sich wieder auf.
„Hierher, hierher!”, hörte er Violettas Stimme rufen. Er stolperte blind ihrer Stimme hinterher.
Endlich war er da. Völlig außer Puste und durchnässt nahm er erst einmal die Brille von der Nase und schüttelte den Regen ab.

,Ohje, wo bin ich bloß gelandet?’ dachte er sich. Wäre ich doch nur nach Hause gegangen.
„Komm, lass uns schnell reingehen”, forderte Violetta ihn auf. „Los, klopf an die Tür!”
Obwohl es sehr kalt war, zögerte Moritz. Er fing Violettas aufmunternden Blick auf, fasste Mut und klopfte.
„Wer da?”, ertönte eine raue Stimme von innen.
Ein Auge lugte hinter der Tür hervor. Violetta schlug mit den Flügeln und dieses lilafarbene Licht umgab sie wieder.
„Oh, welch ein schöner Gast ist da vor der Türe! Kommen Sie doch herein gnädiges Fräulein!” Die Tür öffnete sich und ein stämmiger Termitenmann mit Stoppelbart stand im Eingang.

„Guten Abend”, Violetta lächelte verschmitzt, flatterte durch die Tür und winkte Moritz hinter sich her.
Mit gerunzelter Stirn schaute die Termite auf den hereintrippelnden Moritz herab und schloss die Tür.
Es war laut, heiß und stickig. Die Schänke war hoffnungslos überfüllt. Alle möglichen Insekten hatten hier Unterschlupf vor dem Regen gefunden. Die Termiten waren in der Überzahl.
Moritz konnte kaum etwas sehen, da seine Brille beschlagen war. Hektisch zog er ein Taschentuch aus der Brusttasche und putzte die Brillengläser.

Violetta flatterte in Richtung Bar. Bei ihrem Anblick verstummten alle und machten ihr Platz. Einer rief der Termite an der Bar zu: „Los, einen Honigschnaps für die Dame!”
Violetta lächelte der Bartermite zu und sagte in ihrer bezaubernden Stimme: „Zwei, bitte. Er gehört zu mir” und zeigte auf Moritz. Erstaunt drehten die Insekten sich um und schauten Moritz an. Ein Tuscheln erfüllte den Raum, hinter vorgehaltener Hand flüsterten die Insekten miteinander.

Die vielen Insekten machten Moritz ein wenig Angst. Trotzdem hob er seinen Kopf in die Höhe und ging in Richtung der Bar.
Plötzlich machte es PENG! Moritz war der Länge nach hingefallen.

Ein Riesengelächter brach aus. Von allen Seiten zeigten die Insekten mit dem Finger auf ihn und krümmten sich vor Lachen. „Ach du meine Güte, was ist das für ein Tollpatsch!” hörte er, „der stolpert ja über die eigenen Füße! Kein Wunder, der hat die Schuhe falsch herum an!” Und die Insekten lachten noch lauter.

Violetta flatterte schnell zu Moritz herüber. „Hey, ist alles in Ordnung bei dir?” fragte sie.
Moritz rappelte sich schnell auf. Es war ihm sehr peinlich, dass er sich so vor Violetta blamiert hatte. Und er war wütend, wütend auf sich selbst. Ständig zog er die Schuhe falsch an, er verwechselte immer links mit rechts. Aber trotzdem war er noch nie in seinem Leben dermaßen ausgelacht worden. Er ballte die Hände zu Fäusten und schaute grimmig um sich.

„Mir geht’s gut”, entgegnete er trotzig und stapfte zur Bar.
„Zwei Honigschnäpse hat die Dame gesagt”, schnauzte er die Bartermite an und schlug mit der Faust auf den Tresen.
„Aber hallo, junger Mann, immer mit der Ruhe”, rief die Termite etwas belustigt. „Bist du denn überhaupt schon alt genug für Schnaps?”

„Klar doch, ich bin schon vier”, behauptete Moritz.
„Na gut, junger Mann. Hier sind die Honigschnäpse, das macht drei Pustetaler.”
Erschrocken schaute Moritz die Bartermite an. „Drei Pustetaler?”, fragte er. Er hatte nämlich nur zwei in der Tasche. Das war sein Taschengeld von 376 Sonnenaufgängen.

„Natürlich, oder glaubst du, wir sind hier die Wohlfahrt?”, entgegnete die Termite etwas ungemütlicher.
„Weg da! Ich zahle für die Dame!” Eine große grüne Heuschrecke schubste Moritz plötzlich zur Seite. „Von mir gibt es vier Pustetaler”, schnaubte die Heuschrecke und schaute verächtlich auf Moritz herunter.

Die Heuschrecke legte den Arm um Violetta und sagte mit zwinkerndem Auge: „Hallo, schönes Fräulein, mein Name ist Gregorio. Endlich rette ich dich vor diesem komischen Käfer.”
Er schaute herablassend auf Moritz.
Violetta lächelte amüsiert. „Das ist kein komischer Käfer”, sagte sie und schaute der Heuschrecke fest in die Augen. „Schon gut, schon gut”, sagte Gregorio abwehrend, „meinetwegen ist das kein komischer Käfer. Dann ist das eben ein tollpatschiger Käfer! Hahahaha!” Er wieherte vor Lachen über seinen eigenen Witz. „Na, schmeckt dir der Schnaps?”
Violetta nippte am Glas und versuchte, Gregorio einfach zu ignorieren. Auch Moritz probierte davon. Misstrauisch roch er daran. Es war das erste Mal, dass er solch ein Getränk zu sich nahm. Das durften bei ihm zu Hause immer nur die Großen trinken.

Vorsichtig nahm er den ersten Schluck. Es war ihm, als hätte er Feuer verschluckt, er fing an zu husten. Aber dann wurde ihm plötzlich ganz warm und er fühlte sich wohl. Der süßliche Geschmack sagte ihm auch zu. Schnell nahm er einen weiteren Schluck und noch einen und noch einen. „Langsam, Moritz!”, ermahnte ihn Violetta. Aber er lächelte nur selig.

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